Flowerpornoes: Morgenstimmung - Hilfe
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Flowerpornoes - Morgenstimmung

Cover von Morgenstimmung
Flowerpornoes
Morgenstimmung

Label
Erstveröffentlichung 11.06.2021
Format CD
Lieferzeit 4 – 7 Werktage
Preis 16,95 € (inkl. 19% MwSt. zzgl. Versand)
Rezension

Eine schöne Überraschung von Tom Liwa: Ein neues Flowerpornoes Album , Morgenstimmung" - hoppla hopp veröffentlicht, ohne Label, ohne Vertrieb oder andere Industrie-Strukturen , kein Amazon oder Spotify wird es in die Finger kriegen. Es ist nur bei tomliwa.bandcamp.com und in ausgesuchten Plattenläden erhältlich.

" Unsere Alben aus den Neunzigern hätten ähnlich geklungen, wenn wir gewusst hätten, wie. Ich finde aber, wir sollten die speziellen Arbeitsweisen wie die Algorithmen, nach denen die Kompositionen entstanden und das mit den Perspektivwechseln bei den Texten  aus dem Info rauslassen. Das braucht es nicht. Und wo ist eigentlich mein Kaffee?" Tom Liwa riecht nach Farbe und nach einem Sonnentag. Er hat heute die Außenwand seines Hauses gestrichen und kratzt sich mit der Rechten Schorf vom linken Arm.

Ihr wollt es doch auch! Ein Rock-Album der Flowerpornoes. Mit lauten Gitarren und großer Klappe. Kluger Lärm! Wie früher? Nein, wie heute! Kein halbes Jahr nach dem Weird-Ambient-Soloalbum „Der, den mein Freund kannte" schlägt Tom mit seiner Band eine ganz andere Richtung ein oder schließt er nur mal wieder einen Kreis? „Morgenstimmung" dreht sich sozusagen von außen um die eigene Achse es wird abgerechnet. Aber wer mit wem, ist nicht ganz klar. Väter kommen zu Wort, Kinder, Exfrauen, Exmänner, Kolleg*innen, ja sogar der Mond und der Hund haben Schonungsloses mitzuteilen. Die Brutalität der Sprache passt zu den direkt ins Blut gehenden Melodien das hier sind tatsächlich, im wahren Wortsinn: Hits.

Genau einen Tag Zeit brauchte es, um diese wilden Lieder aufzunehmen.  Tom Liwa (Gesang/Gitarre), Giuseppe Mautone (Schlagzeug), Birgit Quentmeier (Keyboards) und Markus Steinebach (Bass) buchten sich in ein Studio in Bochum ein, wo „zufällig" eine Les Paul rumhing, die den Flowerpornoes-2021-Sound entscheidend prägt. „Vor Ort war das getragen von einer Rieseneuphorie, von diesem Schwarmgefühl, das kommt, wenn wir gemeinsam spielen. Wir hatten das fast vergessen", so Tom, der mit Birgit und Markus seit 1977 und mit Giuseppe immerhin auch schon seit 2012 Musik macht. Erst eine Woche vor dem Zusammentreffen schickte er den dreien die Demos (textlose Soloversionen an der Gitarre, mit dem Handy aufgenommen), alle probierten zu Hause rum und übten. Obwohl sie im Grunde ein sehr eingespieltes Team sind, waren sie von der Dynamik überrascht, die das ultraschnelle Arbeiten möglich machte. „Das hatten wir so noch nie", sagt Birgit Q. Sie stellte im Studio erfreut fest: „Wir funktionieren einfach zusammen. Es war eine unglaubliche Energie im Raum. Alle hatten furchtbar Lust zu spielen, es war laut und heftig. Wahrscheinlich musste sich da alles Angestaute Bann brechen." Die Flowerpornoes hatten wie so viele Bands 2020 kaum Gelegenheit, gemeinsam zu spielen. Man will ja jetzt nicht mit Klischees wie „sie haben die Live-Atmosphäre eingefangen" anfangen, doch sogar der recht unerschütterliche Markus war erstaunt, wie „sensationell gut" die Band gerade unter den erschwerten Bedingungen klang.  „Es wäre natürlich schön, wenn wir jeden zweiten Tag proben könnten, aber so hat es den Effekt, dass man, wenn es geht, mit besonderer Begeisterung dabei ist." 

„Ich bin seit 2012 dabei und damit der dienstälteste Flowerpornoes-Drummer!" Giuseppe Mautone zupft an seinem Man-Bun herum und grinst: „Auch der mit den meisten eingespielten Minuten. Weiß ich von Birgit, die so was wie das Büro der Band ist. Ein wunderbarer Kontrast zu Tom, der auch schon mal Sachen fragt wie ,in welchem Bund spiel ich in diesem Lied?' oder ,Wo ist mein Kaffee?'. Oh, verrat ich jetzt alles?? " Er lacht, und diese verschmitzte Freude taucht bei allen Vieren auf, wenn sie von der Band reden. „Ich versuche immer, in meinem Spiel auch den Text zu beachten das ging diesmal natürlich nicht, also habe ich überlegt: Was führt Tom wohl im Schilde? ", erinnert sich Giuseppe. „ Das ist schon wie ein kleines Wunder, wenn man zum ersten Mal alles gemeinsam spielt und es sofort zusammenpasst." Dass keine Zeit war, sich eine „ausgefuchste Begleitung" zu überlegen, und jetzt alles „relativ roh" klingt, wie Birgit es nennt, ist ja gerade der Pluspunkt dieses Albums: „Es klingt anders, als es die Leute vielleicht erwarten, nicht so: ,Hab ich schon tausendmal gehört, Tom Liwa und die Flowerpornoes kennt man ja.'" Man ist eben nie zu alt, um sich selbst und andere zu überraschen! „Als Tom im letzten Jahr, als Corona kam, die Songs von ,Der, den mein Freund kannte' dann doch komplett allein aufgenommen hat, war ich schon ein bisschen traurig. Er schrieb uns, dass er das jetzt abschließen wolle, und danach können wir uns komplett neuerfinden. Das war ja erst mal nur so ein Gedanke, aber nun ist es tatsächlich genau so gelaufen mit der neuen Platte!" 

Für Birgit sind die Songs „ein Lichtstrahl in dieser bescheuerten Zeit". Wobei die Texte, die Tom später zu Hause im Wendland schrieb, natürlich eher Blitzschlägen gleichen. „Ich wundere mich immer wieder über Toms tolle Texte", so Markus. „Vor allem wenn sie so nach wörtlicher Rede klingen, wie ein Sample aus der Realität. Diesmal kommen noch die vielen Perspektivwechsel dazu." Er streicht eine seiner Alfred-Stieglitz-Locken aus der Stirn und erinnert mich daran, dass bei einem dieser Stücke Britta Caspers von The Lost Verses (einer unbedingt entdeckenswerten Band) mitsingt und zwar ihren eigenen Text.

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