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Postcards: The Good Soldier - Hilfe
hilfe

Postcards - The Good Soldier

Cover von The Good Soldier
Postcards
The Good Soldier

Label T3 Records
Erstveröffentlichung 03.01.2020
Format CD
Lieferzeit 4 – 7 Werktage
Preis 12,95 € (inkl. 19% MwSt. zzgl. Versand)
Rezension

Mitunter lohnt es sich, sich Zeit zu nehmen, sich einzulassen, in ungeahnte Untiefen abzutauchen, mag die betörend schöne Oberfläche auch noch so sehr zum Verweilen einladen. Schon das vielschichtig irisierende I'll Be Here In The Morning-Debüt raubte dem Rezensenten bei jedem neuen Zusammentreffen Wort um Wort, bis schließlich von den mühselig errichten Mauern aus immer trockener klingenden Begrifflichkeiten kaum etwas übrig blieb, um dem schillernden Schichtenreichtum gerecht zu werden. Auch dem 2020er Album des gemischten, hör- und spürbar gewachsenen kongenial kreativen Trios gelingt das seltene Wunder, den Hörer bereits bei erster Begegnung mit offenen Armen warmherzig zu empfangen, um ihn bei jedem neuen Zusammentreffen nach und nach unwiderstehlich in die viellagigen Tiefen des Werkes zu entführen. Dabei funktioniert die stets leicht-leis herbstmelancholisch gefärbte Elf-Song-Perlenkette auch weiterhin durch die becircend-betörende Wirkung des ersten Eindrucks, aber das wahre Glück des langjährig aktiven, genreübergreifend genießenden Musik-Feinschmeckers entfaltet sich bei jedem neuen, intensiven Tauchgang, wobei jeder Besuch unter der Oberfläche neue Stil- & Schall-Schätze zu Tage fördert.

Nahezu völlig losgelöst von den musikalischen Wurzeln ihrer libanesischen Heimat erkunden Julia Sabra, Pascal Semerdjian und Marwahn Tohme die unendlichen stilistischen Weiten der europäischen und amerikanischen Welt, während die englischen Texte vom ganz normalen, individuellen Alltag in Beirut berichten, dargereicht von der unendlich weichen, mal mädchenhaft klaren, mal geheimnisträchtig gehauchten Stimme der bezaubernden Vokal-Protagonistin. Aber bei aller betörenden Energie der engelsgleichen Gesangspassagen üben die ebenso kunst- wie gefühlvoll gespielten, beeindruckend variantenreich dargereichten Instrumental-Elemente eine nicht minder mitreißende Macht aus, verleihen sie doch den mal zweiminütig auf den Punkt gelebten Kleinodien, mal sich über fünf und mehr Minuten entwickelnden Epen ihre beeindruckend farbenreiche Vielgestalt, die dem beherzten Lauscher auch nach dem zehnten Hören noch Überraschungen schenkt. Fallen beim ersten zarten Zusammentreffen die zwischen vehement verzerrter Härte und trockenem The Cure-Twang überraschend vielseitig agierende Gitarre, das verspielt variable Schlagwerk und die warmherzig weiche Wirkung der auch mehrlagig gereichten Vokal-Wolken ins Ohr, so sorgen nach und nach gekonnt gesetzte Sound-Effekte, behendes Bassspiel und abwechslungsreiche Tastenkunst für Emotionen entfaltenden Klangreichtum, der die anfänglich geglaubten, unnötig einengenden Stil-Schubladen aufbrechen lässt, um zum Herzenslust-Bad in den Elementen zu laden.

Mal nur kurz angedeutet, mal lust- und liebevoll ausgelebt, mal auf den prägnanten Punkt gespielt, mal in aller möglichen Farbigkeit ausgemalt erlebt man nacheinander und gleichzeitig musikalische Schön- und Eigenheiten der vergangenen vier Jahrzehnte der mystisch-dunkleren Seiten westlicher Pop- und Rockmusik, wobei weder vor betörendem Wohlklang, artifiziellem Ausufern noch vor brachial-bösen Saiten-Attacken Halt gemacht wird. Egal, ob durch jahrelanges intensives Musikhören geschult oder aus eigener Erfahrung geboren wecken die drei Klangzauberer ebenso Erinnerungen an die gotischen Glanzzeiten düsterer Wave-Wunderwelten, samt-sanfte Dream-Pop-Schwebstoffe und introvertiert-exaltiertes Schuhe-Schauen wie an kernig-kantige Kraut-Rock-Epen, neoprogressive Constellation-Klangwogen, Soundwälle von mitreißender Muse-Macht oder hypnotische Klangteppiche Pink Floydscher Ausmaße, unterkühlt-tanzbare Blondie-Ästhetik existiert gleichberechtigt neben God Speed You-gewaltigen Gitarren-Gipfeln, wehmütig verhallender Cowboy Junkies-Desert Country neben berührendem Slowdive-Charme, betörend leichtfüßiger Cardigans-Liebreiz neben schwermütig zerbrechlicher Czars-Zartheit.

Weit unter der Oberfläche dieses berauschenden Klang-Ozeans, dort, wo im zaubrischen Zwielicht zwischen alles durchdringenden, Licht schaffenden Sonnenstrahlen und den dunkel tönenden Rätseln der unendlichen Seelentiefe die farbenreiche Postcards-Phantasie lebt, wächst und immer neue Wellen erzeugt, gilt es eine Vielfalt zu entdecken, die mit noch so vielen schmalen Worten nicht umrissen werden kann. Die Postcards lassen uns eine Welt bekannt geglaubter Elemente neu entdecken und erleben, laden uns liebreizend-leidenschaftlich zum Eintauchen in ein Meer der Emotionen, wo das Entkommen keine Rolle mehr spielt und nur noch das Bleiben zählt. (cpa)

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